3. Dezember 2025
Der Markt an religiös-spiritueller Literatur boomt, obwohl ständig dazugesagt wird, dass das Interesse an den etablierten Kirchen durchaus nicht mehr gegeben sei. Dessen ungeachtet hat Metropolit Volodymyr Chayka ein Buch herausgegeben, das insofern heraussticht, weil es zutiefst persönlich und zugleich mutig ist. Persönlich insofern, als es die Überzeugungen eines orthodoxen Priesters widerspiegelt, der seit über 30 Jahren in der Seelsorge steht und mit Menschen zu tun hat, also nicht in irgendeinem abgeschiedenen Bereich herumphilosophiert, sondern Menschen beisteht, die auf der Suche sind. Und mutig, weil dieses Buch `heiße Eisen` anpackt, was Fragen und Themenbereiche meint, zu denen man seitens des Klerus und der Theologen meist Antworten bekommt, die vielleicht fachlich richtig sind, doch konkret selten wirklich hilfreich sind. Dies muss man, bevor man sich der Lektüre hingibt, wissen.
Ausgehend vom bekannten Gleichnis des `verlorenen Sohnes` aus den Evangelien, einer Geschichte, die man auch als die `Erzählung vom barmherzigen Vater` bezeichnen könnte, beginnt er seine Überlegungen. Die Absicht, die dahintersteckt, ist meiner Meinung nach, – bildlich gesprochen – , den fein aufgetragenen Verputz auf den Lehren des Christentums vorsichtig abzutragen und das Original wieder an die Oberfläche zu holen, oder die Frage zu stellen `gibt es nicht doch eine andere Sichtweise von den wichtigen Grundsätzen unseres christlichen Glaubens? `
Das legt in der Folge zahlreiche weitere Fragen und Überlegungen nahe, die der Autor beantworten möchte. Etwa die Frage, was denn der eigentliche Sinn eines Dogmas, also eines verbindlichen Glaubenssatzes ist. Oder: was ist die Bedeutung von Jesus Christus für einen Getauften? Oder : was ist das für ein `Gesetz`, das Jesus gebracht hat?
Um nicht nur theoretisch zu bleiben, folgt ein Gang durch die Geschichte bzw. Entwicklung der christlichen Kirche, von der Urgemeinde, die nicht nur idealistisch zu sehen ist über die Konstantinische Wende mit der Verstaatlichung der Kirche, der Frage nach der Bedeutung und des Stellenwertes der großen Ökumenischen Konzilien der damals noch ungeteilten Christenheit und den Stellenwert derer, die daran teilnahmen. Hier lässt er mit seiner Sicht aufhorchen, denn sie ist durchaus anders als das gängig vermittelte Bild, das sich aie Allgemeinheit kaum kritisch zu hinterfragen getraut.
Zwischendrin kommt der Autor als Ukrainer zu einer historischen Angelegenheit, die bis heute für seine Landsleute und auch für ihn von großer Bedeutung ist : die Auseinandersetzung mit dem Faktum, dass die Moskauer Kirche die Kirche von Kyjiv, von der sie das Christentum einst bekommen hat, absorbiert hat, sich diese im 17. Jahrhundert auf fragwürdige Weise hat unterstellen lassen und, wie wir aus den derzeitigen kirchen-politischen Auseinandersetzung wissen, die Eigenkirchlichkeit der orthodoxen Kirche in der Ukraine bis heute in Abrede stellt. Dabei ist dem Autor gelungen, eine linguistische Feinheit zu entdecken, die zu spannenden weiteren Gedanken ermutigt und die Sichtweise verändert. Der Leser möge sich ein eigenes Bild davon machen.
Mutig werden seine Gedanken auch, wenn er Themenfelder behandelt, die durchaus umstritten oder zugegebenermaßen unklar sind, etwa die Frage nach der Gewalt im Alten Testament, das damit vermittelte Gottesbild, oder die Stellung der Frau im Christentum oder auch die Frage warum Gott schweigt (die Frage nach dem Leid). Auch hier bringt er überraschende Sichtweisen, die zu einem Umdenken einladen.
Wie bereits erwähnt, stellt das `Gleichnis vom verlorenen Sohn` die Ausgangsbasis für die Entwicklung der theologischen Gedanken des Autors dar: von der Ursehnsucht des Menschen
nach dem Paradies über die Frage der Schuld, die Auseinandersetzung mit dem Begriff `Sünde`, zur Neubewertung der Vorstellung von der `Gotteskindschaft` bis hin zur Rückkehr ins Haus des Vaters.
Der Autor scheut sich auch nicht vor der theologischen Auseinandersetzung mit dem christlichen Gottesbild von der Dreifaltigkeit, stellt die Frage, wie wir `Vater`, `Sohn` und `Geistkraft` auch verstehen könnten und so dem großen Geheimnis ein wenig näherkommen.
Die letzten beiden Kapitel sind der Frage nach der Seele des Menschen gewidmet- wie können wir sie verstehen und deuten? Geist – Seele – und Leib, wie hängt das zusammen? Den Abschluss bildet die Auseinandersetzung mit jener Frage, die ein Seelsorger wohl am häufigsten hört: wie ist das mit dem Leid in unserem Leben? Wo liegt der Sinn? Ja, gibt es überhaupt einen Sinn im Leid?
In behutsamer Sprache und Vorgangsweise nimmt der Autor den Leser durch all diese Fragen mit, will ihm keine Meinung aufoktroyieren, sondern stellt mögliche Perspektiven und neue Sichtweisen dar und lädt ein, darüber in Ruhe nachzudenken. Wie im `Gleichnis des verlorenen Sohnes` steht am Ende die Rückkehr in das Haus des Vaters.
Doch geht es dem Autor nicht um die bloße Nacherzählung oder Paraphrasierung einer zu Herzen gehenden Erzählung. Er bezieht das, was diese Geschichte besagt auf den einzelnen Menschen, der nach der Lektüre dieses Buches durchaus an jenem Punkt angelangt sein kann, wo diese Rückkehr als zutiefst befreiend und gleichzeitig inspirierend für den eigenen Glaubensweg erfahren werden kann. Zusätzlich hat er durch die Lektüre hoffentlich vermittelt bekommen, dass wichtige Punkte des christlichen Glaubens in positiver Sichtweise eine neue Bedeutung vermitteln können.
Mit einem Wort, es handelt sich dabei um eine lohnende Lektüre.
Dr. Christian Blankenstein, Wien
3. Dezember 2025

Pfarrer Dr. Christian Blankenstein

Deteils zum Buch:
Deutsche Version: 99 und 1: Das Gleichnis. Eine theologische Reflexion / Metropolit Volodymyr (Chayka). – 1. Aufl. – Köln: Anaphora Verlag, 2025. – 296 S.
ISBN 978-3-912210-00-2 (Print)
ISBN 978-3-912210-02-6 (eBook)
Українська версія:
99 та 1: Притча. Богословська рефлексія / Митрополит Володимир (Чайка). — 1-е вид. — Köln: Anaphora Verlag, 2025. — 296 с.
ISBN 978-3-912210-01-9 (друк)
ISBN 978-3-912210-03-3 (eBook)